
Köln | Eine Stadt zum Wandel!
Der Kölner Architekt Henning Dumrese will an der Severinsbrücke eine seit Jahrzehnten vergessene Fläche entwickeln, begrünt, vielfältig genutzt, mit einem Jazzclub im Erdgeschoss.
Jetzt soll das Projekt plötzlich wieder auf dem Prüfstand stehen.
Aber warum?
Ein Gespräch über den Mut zum Machen, eine Park-Idee, die womöglich eine Schnapsidee sein könnte, und die Reparatur eines Stadtbausteins.
Herr Dumrese, in Köln wird viel gebaut und noch mehr diskutiert. Warum melden Sie sich gerade jetzt öffentlich zu Wort?
HENNING DUMRESE Wir können gerade zusehen, wie in dieser Stadt gute Projekte mit eher reflexartigen Argumenten konfrontiert werden, und über die Zeit zerrieben werden. Köln diskutiert sich müde. Ich bin Architekt und Projektentwickler und habe in dieser Stadt einiges realisiert. An der Helenenwallstraße reden wir über ein Vorhaben, das über mehrere Jahre vorbereitet wurde und gut durchdacht ist.
Ökologisch, gutachterlich geprüft, vielfältig abgestimmt. Im nächsten Schritt ist ein europaweiter Wettbewerb der Besten vorgesehen. Und ausgerechnet dieses Vorhaben soll jetzt wieder zurück auf Anfang? Daher sollten wir reden.
Nun heißt es, das gesamte Projekt stehe auf dem Prüfstand. Im Gespräch ist eine Nutzung für gefördertes Wohnen, sogar die komplette Umwandlung in einen Park. Wie gehen Sie damit um?
Henning Dumrese: Wir sollten uns an den Fakten vor Ort orientieren. Ich nehme die Fragen ernst, denn eine zentrale Fläche darf Fragen aufwerfen, das ist nachvollziehbar. Wir haben ein Konzept entwickelt für ein Stück Stadt-Reparatur, und verbinden: Menschen und Zuversicht – für ein starkes, klimagerechtes Köln von morgen.

Denn hinter dem aktuellen Verfahrensstand stecken Jahre Arbeit, ein Dutzend Gutachten, ein Plan, der auf genau diesen Ort zugeschnitten ist. Soll das, ohne dass es bekannt geworden wäre, in den Papierkorb? Dann steht am Ende dort das, was heute schon steht, nämlich eine städtebauliche Brache. Die Stadt hat dieses Grundstück in einem geordneten, öffentlich nachvollziehbaren Verfahren einem Entwickler an die Hand gegeben.
Das war kein Zufall, das war eine politisch legitimierte Entscheidung. Sie jetzt einzukassieren, ohne dass etwas Besseres bereitliegt, das wäre ein fatales Signal nicht nur an uns, sondern für die gesamte Branche. Die Folgen kann sich jeder überlegen.
Der lauteste Vorschlag ist der Park. Mehr Grün, keine Bebauung. Was spricht dagegen?
Henning Dumrese: Ich liebe Parks. Aber man muss ehrlich sagen, wo einer funktioniert und wo er zur Kulisse würde. Reden wir über diese Fläche, wie sie wirklich ist: Sie ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld, mit den Randbereichen etwas mehr. Und dieses Feld liegt eingeklemmt zwischen drei Straßen und einer Brücke, umtost von 90.000 Fahrzeugen am Tag.
Wer sich dort auf eine Bank setzt, sitzt im Dauerlärm, wie neben einem Staubsauger. Abgase und Feinstaub gar nicht erst betrachtet. Das ist keine Aufenthaltsqualität, das ist eine Verkehrsinsel. Einen Park und Erholungsflächen plant man an einem anderen Ort, nämlich am angrenzenden Rheinufer. Der Rheinboulevard ist ein großartiges Erfolgsmodell, das kann sich jeder, besonders in der Abendsonne ansehen. Die Pläne für die südliche Verlängerung liegen in der städtischen Schublade.

Dieser Boulevard wäre eine Brücke bis zum künftigen Deutzer Hafen, mit einer Aufenthaltsqualität, die einen tatsächlichen Mehrwert für die Bürger liefert. Zurück kommend auf unser Haus: Wir wollen einen zukunftsorientierten Beitrag zum Klima leisten, also möglichst viel Fläche entsiegeln, das Grün aufs Dach und an die Fassaden holen. Und by the way die nördlich liegenden Wohnungen vom Brückenlärm abschirmen.
Die SPD in Deutz und andere fordern Wohnungen statt Gewerbe. Köln braucht Wohnraum. Warum bauen Sie keine Wohnungen?
Henning Dumrese: Selbstverständlich benötigt Köln mehr Wohnungen! Aber nicht jede Fläche eignet sich. Vor uns hatte ein Bauträger das Grundstück für zwei Jahre, aber hier ging es aufgrund des Verkehrslärms nicht. Das sagt auch das Schallgutachten.
An einer Lage, die von allen Seiten von Verkehr mit rd. 90.000 Kfz täglich umtost ist, bekommen Sie keine Genehmigung für dauerhaftes Wohnen, an den Fassaden ließen sich die Fenster nicht einmal öffnen. Ausgerechnet den sozial geförderten Wohnungsbau, an die lauteste und schlechteste Ecke zu setzen, das wäre ohnehin eine Zumutung für die Menschen. Ich verschließe mich dem Thema trotzdem nicht.
Was an so einem Standort denkbar ist und was wir prüfen, sind Nutzungen wie Hotel und Beherbergung. Denn auch damit wird der Druck auf echte Wohnungen gelindert, um Anbieter wie Airbnb, die die Preise treiben, einzugrenzen. Wer echten, dauerhaften Wohnungsbau will, findet wenige 100 m südlich, im Deutzer Hafen weitaus bessere Grundstücke.

Gegen Ihr Projekt läuft eine Petition mit über 1.700 Unterschriften, für den Erhalt der Grünfläche. Nehmen Sie das ernst?
Henning Dumrese: Jede einzelne dieser Unterschriften nehme ich ernst, denn dahinter steht eine berechtigte Sorge ums Klima, die ich teile. Nur ist die Fragestellung so einseitig, dass doch jeder zustimmen könnte.
Tatsächlich ist die Fläche heute zur Hälfte als Verkehrs- und Gebäudefläche versiegelt, und es verbleibt eine Freifläche als Rest nach der Herstellung der Brücke. Die Bestandsbäume wollen wir vor Ort restituieren, als künftige „Troisdorfer Allee“ und im möglichst bald kommenden Rheinboulevard „Süd“.
Jedoch an den vorhandenen Verkehrsflächen gibt es nichts Idyllisches zu verteidigen. Wir wollen hingegen, auch mittels innovativer Dach- und Fassadenbegrünung das Mikroklima verbessern. Die Fakten sind: eine Instanz wie das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima (LANUK) bescheinigt für diesen Ort im Falle einer Bebauung nur geringe klimatische Veränderungen.

Sie sprechen von einem besonderen Anspruch. Was macht das Haus so anders?
Henning Dumrese: Das ist der Teil, der mich antreibt. Ich will hier nicht irgendein Haus bauen, sondern für ein klimagerechtes Köln von morgen. Ein verbindendes Erdgeschoss, das der Nachbarschaft offensteht, mit einer Barista-Bar und Restaurants, einer Lebensmittel-Nahversorgung mit Bäcker, ein Fitness-Studio etwa, und ein kleiner Jazzclub. Köln hat eine junge, europaweit führende Jazz-Szene!
Das Hotel, das nebenbei den Wohnungsmarkt entlastet, weil es Übernachtungen bindet, die sonst in die Kurzzeitvermietung von Wohnungen abwandern. Moderne, ESG-konforme Büroflächen die Arbeitsplätze und Gewerbesteuer für eine Stadt sichern, deren Haushalt jeden Euro braucht. Das alles auf einer Fläche, die städtebaulich mit einem neuen Stadtbaustein zwischen einem maßstabslosen Brückenbauwerk und der Blockrandstruktur des Quartiers vermitteln muss.
Wenn Sie einen Satz an die Politik und an die Nachbarschaft richten könnten, welcher wäre das?
Henning Dumrese: Ich würde eine Frage stellen: kann Köln sich Stillstand leisten? Ich bin Architekt, ich wohne hier, meine Kinder sind in dieser Stadt groß geworden. Wir gehen an diese nicht wenig komplexe Fläche mit Sorgfalt und Expertise.
Schauen Sie sich diese Ecke an, wie sie heute ist, mit dem Verkehrslärm, eine städtebauliche Brache neben der Brücke. Wir haben unseren Hut für ein Stück Urbanität, Leben und Vielfalt für Köln in den Ring geworfen.