
Köln | Für viele Bürgerinnen und Bürger ist er die Stimme der Vernunft in chaotischen Zeiten.
Das Wort von Wolfgang Bosbach (73) hatte und hat nach wie vor in der öffentlichen Debatte Gewicht.
Der „Bundeskanzler der Herzen“ geht keiner unbequemen Wahrheit aus dem Weg, das CDU-Urgestein aus Bergisch Gladbach spricht sie gern aus.
So auch im aktuellen Knallhart-Interview mit koeln0221.
WoBo, zwischen Donald Trump und Friedrich Merz wird der Ton immer schärfer. Du bist sehr erfahren in der Politik. Was würdest du Merz nun im Umgang mit Trump raten?
WOLFGANG BOSBACH Die bisherige Linie unbedingt beibehalten, nicht provozieren lassen. Wir wollen und brauchen gute Beziehungen zu den USA, haben aber auch legitime eigene Interessen.
Und es ist eine wichtige Aufgabe des Kanzlers, diese klar zum Ausdruck zu bringen. Im Ton moderat, in der Sache klar.

Ist Merz die kolportierten grausig Umfragewerte für ihn persönlich selber schuld oder wird ihm deiner Meinung nach Unrecht getan?
Von Schuld würde ich nicht sprechen, aber er sollte sich auch nicht wundern.
Zum einen gibt es eine grosse Diskrepanz zwischen den Wahlversprechen und der Regierungspraxis und zum anderen erweckt diese Regierung bislang nicht den Eindruck, dass sie aus der sehr schwierigen wirtschaftlichen Lage die richtigen Konsequenzen zieht.
WoBo zu Merz, Kubicki, AfD-Aufschwung, El Mala
Nur wenige Stichworte: Energiekosten, Entbürokrstisierung, Beschleunigung von Genehmigungsverfahren.
Kann Wolfgang Kubicki, den du ja sehr gut kennst, die FDP noch einmal rausreißen ?
Wenn einer- dann er! Gerade außerhalb des Parlaments geht es um Erkennbarkeit, mediale Durchschlagskraft, Aufmerksamkeit. Das kann Kubicki.

Was sind mit Blick auf den Sommer innenpolitische Themen, die in Deutschland unbedingt ernster genommen werden müssen?
Wir stecken mitten in einem Prozess schleichender De-Industrualisierung. Der Wirtschaftsmotor ruckelt jetzt schon im 4.Jahr hintereinander. Das hatten wir noch nie.
Wer hätte denn noch vor wenigen Jahren damit gerechnet, dass Vorzeigeunternehmen wie VW, Audi, Porsche, Bosch und andere zehntausende Arbeitsplätze abbauen müssen?
Hast du selbst den Aufstieg der AfD bis zu diesem Zeitpunkt ansatzweise so erwartet?
Erwartet nicht, aber befürchtet. Er ist Ausdruck einer wachsenden Unzufriedenheit mit der Arbeit und den politischen Ergebnissen der etablierten Parteien.

Zum Sport : Was glaubst du für den Abstiegskampf der Bundesliga? Wird sich der 1.FC Köln retten und wer steigt ab?
Der FC wird die Klasse halten, denn die Mannschaft ist – jedenfalls meiner Beobachtung nach- intakt und hat einen starken Willen. Sie gibt sich nie auf, lässt sich nicht hängen, wenn´s mal nicht läuft. Allerdings braucht sie zu viele Chancen für ein Tor.
Heidenheim hilft nur ein Wunder, Wolfsburg droht akut der erste Abstieg in die Zweitklassigkeit.
Zu viel Spektakel, zu wenig Lastenrad.
Muss man Said El Mala verkaufen oder sollte man alles tun, um ihn noch vorerst am Geißbockheim zu halten?
Jedes FC-Herz würde sich doch freuen, wenn so ein Megatalent langfristig an den FC gebunden werden könnte! Aber Reisende sollte man nicht aufhalten und wenn der Preis stimmt, könnte ich verstehen, dass der FC ihn schweren Herzens ziehen lässt.
Allerdings: im Moment ist es a bisserl viel mit El Mala. Er geht, er bleibt, es gibt ein konkretes Angebot aus England, Angebot gilt nicht mehr usw usw. Nichts ist momentan wichtiger als der Klassenerhalt!

Wie erklärst du dir die Auszählungspanne in Köln und das im Verhältnis nicht so gute Ergebnis bei der Olympia-Abstimmung?
Das ist der Klassiker schlechthin: Kann passieren, sollte aber nicht passieren.
Das Ergebnis wundert mich nicht, denn Köln hat ein beachtliches grün-rotes Milieu und dort steht man derartigen Großveranstaltungen meist sehr skeptisch gegenüber. Zu viel Spektakel, zu wenig Lastenrad.
Was muss deiner Meinung nach in der Kölner CDU passieren, damit die jahrelangen Querelen endlich einmal aufhören?
Irgendeiner müsste der Partei mal erklären, dass der politische Gegner nicht innerhalb der Partei logiert, sondern bei der politischen Konkurrenz.
Würde die CDU Köln ihren innerparteilichen Kräfteverschleiss auf 0 reduzieren und sich ausschließlich auf Sachpoliktik konzentrieren ginge es Köln deutlich besser.