
Köln | Die Fußball-Welt schaut am Mittwochabend nach Atlanta, aufs WM-Halbfinale Argentinien gegen England!
Der Kölner Michael Krämer hat für das „Argentinische Tageblatt“ gearbeitet und das südamerikanische Land seit 2011 rund 20-mal bereist.
Der in Köln geborene Sportjournalist, der für den renommierten „Kölner Stadt-Anzeiger“ über den 1. FC Köln und die Nationalmannschaft berichtete – unter anderem auch vom WM-Finale 2014 zwischen Deutschland und Argentinien – kennt das Land und die dortige Liebe für den Fußball bestens.
2018 wurde er zudem für eine Reportage aus Buenos Aires mit dem nordrhein-westfälischen Sportjournalistenpreis ausgezeichnet. Somit ist der 42-Jährige der ideale Experte, um über das WM-Halbfinale zwischen Argentinien und England zu sprechen.
Kölner Top-Reporter erklärt Brisanz des Klassikers
Ein Duell mit besonderer historischer Bedeutung, das in der Heimat von Lionel Messi ganz besondere Emotionen auslöst. . .
Michael, die Fußballwelt blickt mit Spannung auf das WM-Halbfinale zwischen Argentinien und England. Vor allem für viele Argentinier ist das Duell mehr als nur ein Fußballspiel. Warum?
MICHAEL KRAEMER England ist für viele Argentinier der emotionalste Rivale – und nicht etwa Brasilien. Das liegt vor allem am Krieg um die direkt vor der argentinischen Küste gelegenen Falkland Inseln, die in Argentinien noch immer Islas Malvinas genannt werden.
Zwischen April und Juni 1982 starben mehr als 900 Menschen in der militärischen Auseinandersetzung, 649 davon aus Argentinien. Viele Opfer wurden nie gefunden und es wird noch immer regelmäßig an sie erinnert.
Die Islas Malvinas haben auch deshalb eine große Bedeutung für das Volk, haben eine große Symbolik und Sichtbarkeit – auch und vor allem in den Stadien auf Bannern oder als Tattoo auf den Körpern. Zudem darf in keinem Lied über die Nationalmannschaft ein Abschnitt zu ihnen fehlen.

Auch im aktuellen inoffiziellen WM-Song la cuarta Estrella, der vierte Stern, gibt es eine Passage: „Por Malvinas, por el Diego, por la ultima de Leo“, also für die Malvinas, für Diego und die letzte WM für Lionel Messi. Es geht definitiv nicht nur um Fußball.
Und nun bekommen die Argentinier das Spiel, auf das sie lange gewartet haben. Viele Freunde von mir haben die vergangene Nacht kaum geschlafen, gefühlt ist die Anspannung größer als vor dem Finale 2022.
Welche besondere Rolle spielen Diego Maradona und Lionel Messi in diesem Bezug?
Vier Jahre nach dem Kriegsende führte Maradona Argentinien zum WM-Titel in Mexiko – und besiegte England beim 2:1 fast im Alleingang: Erst durch „die Hand Gottes“, dann durch das Tor des Jahrhunderts, als er aus der eigenen Hälfte unaufhaltsam losdribbelte. Ein Teil seines Mythos basiert auf diesem Spiel, vor dem er Rache für die Kriegsniederlage schwor.
Der Sieg gegen England und der folgende WM-Titel war für die argentinische Seele vergleichbar wie der deutsche Erfolg 1954. Und Maradona hatte ihn seinem Land geschenkt.
Vor dem Spiel sagte er laut des ehemaligen argentinischen Verteidigers José Luis Brown: ‚Sie haben unsere Kinder und Freunde, unsere Nachbarn getötet, wir dürfen nicht verlieren.“ Und so spielte er dann auch. Nun kommt es für Lionel Messi zum ersten WM-Duell mit England – und für ihn ist es das emotional wohl wichtigste Spiel in seiner Karriere, da er mit einem Sieg auch in dieser emotionalen Hinsicht mit Maradona gleichziehen könnte.

Weltmeister ist er schon, aber dieses Spiel ist für ihn die letzte Etappe auf dem Weg zum uneingeschränkten Helden sämtlicher Generationen. Aktuell hat er bei vielen Älteren gegen Maradona da noch das Nachsehen – eben wegen der WM 1986. Für viele Argentinier ist ein Sieg im Halbfinale gegen England wichtiger als der WM-Titel.
Gab es im Vorfeld des Spiels auf argentinischer Seite besondere Spannungen?
Ultra-Gruppierungen der großen Vereine haben den Verband um Tickets und Flugreisen gebeten, um Argentinien zu unterstützen. Dies wurde aber abgelehnt – im Gegensatz zum argentinischen Wunsch, wie 1986 im Auswärtstrikot auflaufen zu dürfen. Allein dieser Antrag zeigt, dass dies kein normales Spiel für Argentinien ist.
Die Social-Media-Kanäle der Fußballfans sind voll mit Bildern des Falkland-Krieges und KI-veränderten Fotos, auf denen Messi wie Maradona einst mit der Hand trifft. Schon seit vielen Jahren gehört der Song „Wer nicht hüpft, der ist Engländer“ zu den Klassikern in argentinischen Stadien und wurde am Dienstag von mehr als 10.000 Fans in Atlanta mit Inbrunst intoniert.
In der vergangenen Woche kamen viele neue Songs hinzu, in denen Engländer für den Krieg verunglimpft werden. Aufgrund der großen Emotionalität veröffentlichte der argentinische Veteranenverband eine Stellungnahme: „Der Sport ist kein Krieg, das Halbfinale ist keine bewaffnete Revanche und keine historische Kompensation.“
Sie bitten darum, ohne Hass anzufeuern und verweisen darauf, dass alles andere das Andenken an die Veteranen des Krieges beschmutzen würde.
Gibt es rund um das Spiel Sicherheitsbedenken?
Definitiv. Auch, weil 1986 der argentinische Hooligan Raul Hector „Pistole“ Gamez Berühmtheit erlangte, weil er auf der Tribüne einen Engländer schlug. Das Foto dieser Szene kennt noch heute jeder Argentinier und es wird befürchtet, dass es Nachahmer geben wird.
Im Stadion wird es verboten sein, Fahnen oder Plakate mit Bezug zu den ‚Malvinas‘ zu zeigen, es werden neben den sichtbaren Polizeibeamten auch viele private Sicherheitskräfte in Zivil in der Arena sein.

Auch Flaschen werden verboten. Szenen auf den Tribünen wie 1986 sollen unbedingt vermieden werden. Ob das gelingt, ist fraglich, da auch die Engländer eine besondere Rivalität zu Argentinien pflegen und ebenfalls gern provokante Lieder anstimmen.
Ex-Nationalspieler Paul Scholes goss ebenfalls Öl ins Feuer, als er sagte: „Dieses Match hat eine Bedeutung, die weit über den Fußball hinausgeht.“ Es gibt aber auch viele Stimmen, die beschwichtigen.
Vor allem der argentinische Nationaltrainer Lionel Scaloni ist öffentlich sehr darum bemüht, den Fokus auf den Sport zu richten.
In Deutschland hegen gefühlt viele Fußballfans eine Abneigung gegen die argentinische Mannschaft. Kannst Du das erklären?
„Das ist eine Entwicklung, die ich persönlich nicht so ganz nachvollziehen kann. Klar gab es das Duell 2006, die Rudelbildung und die Sperre von Torsten Frings für das Finale. Aber Argentinien war sportlich in den vergangenen Jahrzehnten ein gern gesehen Gegner – und andersrum ist der Respekt vor Deutschland in Argentinien sehr groß.

Zudem zeigt Argentinien doch eigentlich genau das, was die deutschen Fans seit langer Zeit sehen wollen: Eine Mannschaft, die füreinander kämpft und nie aufgibt. Einen demütigen Superstar, auf dem Feld zudem ein paar „böse Jungs“ und abseits des Platzes eine Mannschaft, mit der sich das gesamte Land identifiziert.
Die Spieler singen die Lieder der Fans in der Kabine, grillen bei der WM wie die Menschen zu Hause, geben alles für ihr Land. Und zudem verwandeln die Fans jedes Spiel in eine unglaubliche Show und haben dieses unglaublich große Reservoir an Liedern. Vielleicht sind es genau diese Aspekte.
Eigentlich wünschen sich viele Menschen sich eben dies auch für die DFB-Auswahl – und neiden es den Argentiniern deshalb ein wenig. Ich glaube, man sollte bei der Neuausrichtung des deutschen Fußballs sehr genau nach Argentinien schauen.
Denn die enge Verknüpfung zwischen Fans und Mannschaft ist ein wichtiger Grund für den sportlichen Erfolg und die unglaubliche Begeisterung.