
Köln | Es war eine Zeit, die nie wiederkommen wird. Als die Ganovenehre noch galt und das Faustrecht herrschte und nicht feige Messerattacken an der Tagesordnung im Kölner Nachtleben waren.
Das legendäre „Chicago am Rhein“ polarisiert seit eh und je.
Als Köln nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahrzehnte die Hochburg des Verbrechens in Deutschland war, prägten originale Gestalten die Rotlichtszene, die die einen heute feiern – und die anderen verachten.
Schäfers Nas, Dummse Tünn, Karate Jacky, Willi Prumbaum, Beckers Dieter, Zementkopp, Protestvogel, Pille Rolf und Co. haben teilweise längst das Zeitliche gesegnet.
Willy Taylacher prägte das „Chicago am Rhein“ mit
Aber: „Er ist der letzte Mohikaner“ sagt Szene-Insider Roland Bebak über jenen Mann, der sie alle überlebt und heute Geburtstag hat. Willy Taylacher feiert heute den 86. Geburtstag und ist damit der „dienstälteste Vertreter des kölschen Milieus“ von einst.
Wenn der Senior, einst Locken- und muskelbewuchert und mit dem Hang zu schnellen Karossen ausgestattet, heute von den – aus seiner Sicht – guten, alten Zeiten spricht, hängen nicht selten die Jungen geradezu an seinen Lippen.
Legendär seine Anekdote mit dem Hein, die Taylacher in Bebaks Milieu-Bestseller „Wenn es Nacht wird in Köln“ bei Autor Markus Krücken zum Besten gegeben hat…
Ich war ja gut mit ihm. Der Hein war korrekt. Aber wenn es drauf ankam, kannte er keine Freunde. Dann war er knallhart. Ich hab das zu spüren bekommen, als er eines Abends in der Tanz-Bierbar in der Severinstraße auftauchte.Er arbeitete da als Aufpasser. Da saßen wir alle Mann zusammen. Plötzlich stand dieses Ur-Vieh in der Tür.
Es gab ein Problem: Jemand hatte ihm schon mehrmals die Reifen an seinen Cadillac zerstochen. Und den hat er natürlich gesucht.

Hein wusste, dass so eine Information im Miljö an mir nicht vorbeigehen konnte. Und natürlich war es auch so: Ein Bekannter von mir, der Tillse Häns, hatte Hass auf den Hein und war das mit den Reifen.
Als der Hein also in den Laden kam, stand der besagte Täter, also der Häns, sogar nur ein paar Meter entfernt neben mir!
Er sagte : „Willi, du weißt doch, wer meine Reifen zerstochen hat, oder?“ Ich druckste herum und antwortete: „Nä Hein, keine Ahnung.“ Aber er war auf zack, er muss das sofort bemerkt haben, dass ich auf schau schlau machte.
„Ach so, du weißt das also nicht? Bis 24 Uhr fällt dir das mal besser ein, mein Freund.“ Die Stunden vergingen und ich dachte erst, das meine er nicht so. Doch Pustekuchen. „Willi, der macht ernst“, sagten die Jungs.
Je näher Mitternacht kam, umso mehr dämmerte mir auch, was los war. Jede Stunde kam Hein vorbei und sagte: „Willi noch zwei Stunden. Noch eine Stunde.“ Ich spürte, es wird ernst.
Der Eichmeiers Karl schob mir deshalb so einen schweren Aschenbecher auf den Tisch. So einen Stammtischaschenbecher mit Henkel, um mich damit verteidigen zu können.

Um Punkt 24 Uhr rastete der Hein dann tatsächlich aus. Als er auf mich zukam, nahm ich meinen Mut zusammen und zog ihm den Aschenbecher über den Schädel. Aber den wischte er weg wie einen Wattebausch. Ich merkte nur noch, wie er mich am Kragen packte – und dann ging es blitzschnell.
Er hat mich sozusagen an die Decke geworfen, wie eine Zeitung über die Tische geklatscht, mehrere Rippen waren durchgebrochen, das Blut lief mir die Stirn herunter. „Wer ist das mit den Reifen?“, schrie er wieder.
Die 15 Mann hinten standen stumm herum, keiner sagte was. Ich hab das Maul gehalten. Und dafür natürlich weiter kassiert. Auf einmal stand die Polizei vor dem Laden. Die musste irgendwer gerufen haben.
Bitte? Ich hab’ der Schmier gesagt, ich sei die Treppe runtergefallen. Daher die Verletzungen. Sie glaubten das natürlich nicht, aber hatten ja nix. „Hoffentlich schlägt er dich eines Tages kaputt“, murmelten sie beim rausgehen.
Als sie weg waren, drehte Hein sich zu den 15 Mann um: „Der Willi ist nicht der Stärkste, aber er hat ein Herz wie ein Löwe. Keiner von euch hat ihm geholfen. Zieht ab.“
Ich habe trotzdem den Mann nicht verraten. Dem Hein muss das imponiert haben. Denn er sagte: „Komm Jung, ich fahr dich nach Hause.“ Derselbe Kerl, der mich eben zusammengewichst hatte, mein Freund, chauffierte mich zu meiner Mutter.
Drei Monate habe ich gebraucht, dann erst waren die Rippen ausgeheilt. In der Zeit hat Hein mich auch oft besucht. Noch in dieser Nacht bot er mir an: „Willi wenn du jet häs, ich stonn immer zo dir.“