
Köln | Für den Kölner Karneval und im Umland ist Jörg Runge aus dem jecken Kalender nicht wegzudenken.
Der Gesellschaft-übergreifend etablierte „Dä Tuppes vum Land“ sorgt auf den Bühnen und in den Sälen seit fast zwei Jahrzehnten für Lacher.
Und ist buchstäblich ein launiger Farbtupfer für jede Veranstaltung und Sitzung. Doch allein als Redner will Runge nicht unterwegs sein. Er gibt sein Wissen weiter.
Als Coach für Dreigestirne und Prinzenpaare! Das ausführliche Interview.
Tuppes, wie kamst du auf die Idee?
DÄ TUPPES Ich habe in der kommenden Session mein 20-jähriges Bühnenjubiläum, d.h. ich stehe jetzt schon seit ein paar Tagen auf der Bühne. Habe viele viele Auftritte absolvieren dürfen und kenne im Grunde alle kleinen und großen Säle im kompletten Rheinland, in Köln, in Bonn, in der Eifel, im Rhein-Erft-Kreis, im Bergischen im Rhein-Sieg-Kreis.
Und in Leverkusen. Und in all den Jahren hab ich natürlich selbst viel gelernt.
Nämlich?
Einmal habe ich gelernt, wie man einen Saal liest, wie man einen Saal richtig einschätzt, das Publikum richtig einschätzt. Ich habe gelernt, wie man Reden schreibt und ich lerne das immer noch.
Inwiefern?
TUPPES Das ist kein Prozess, der jetzt irgendwie nach 20 Jahren abgeschlossen wäre, sondern der immer wieder aufs Neue passiert und der mir immer wieder auch neue Erkenntnisse und Impulse liefert. Und alleine aus dieser Perspektive heraus, des selbst auf der Bühne Stehenden, kann ich natürlich anderen Menschen auch schon vieles weitergeben.
Was es für meine Teilnehmer so wertvoll macht, ist, dass ich tatsächlich ausgebildeter und zertifizierter Kommunikations- und Rhetoriktrainer bin. Ich bin zudem ausgebildeter und zertifizierter Happiness-Coach.
Ich beschäftige mich mit gelingender Kommunikation und dem faszinierenden Thema Glück als Lebenseinstellung. Ich habe mehrere Ausbildungen im Bereich positive Leadership, d.h. ich übertrage die wissenschaftlich basierten Erkenntnisse der Glücksforschung auf Führungsverhalten. Also noch mal zusammengefasst. Ich beschäftige mich mit gelingender Kommunikation und dem Thema Glück.
Und was hat das mit dem Karneval zu tun?
TUPPES Ganz einfach. Ich hab auf der anderen Seite die karnevalistische Expertise als derjenige, der selbst seit vielen vielen Jahren auf der Bühne stehen darf und hab auf der anderen Seite aber auch das Rüstzeug dafür, um Menschen aus ihrer Komfortzone rauszuholen, um sie zu begleiten, um sie noch besser darin zu machen, was sie tun wollen. Und das ist für mich eigentlich der ganz wesentliche Aspekt.
Wenn ich ausschließlich das weitergebe, was bei mir gut funktioniert hat, dann kann das für den einen oder die andere auch hilfreich sein. Man neigt allerdings häufig dazu, ja genau das weiterzugeben, was bei einem selbst auch gut funktioniert hat. D.h. aber noch längst nicht, dass das auch bei jemand anderem gut funktionieren muss.
Und da kommt jetzt eben meine Expertise als Trainer und Coach ins Spiel, dass ich es einfach von der Pike auf gelernt habe, Menschen zu begleiten, Ihnen Thermik unter die Flügel zu geben, etwas mit ihnen auszuprobieren und das methodisch und didaktisch so aufzubereiten, dass sie auch den Mut haben, etwas auszuprobieren. Und das ist für mich halt der der große Pluspunkt.

Weil es eben nicht nur gefärbt ist von dem, was ich mache, so, sondern ich sage immer: ich arbeite nicht an Menschen, sondern mit Menschen d.h. ich sage denen nicht – ihr müsst das und das tun. Ihr müsst so oder so sprechen-, sondern ich gucke, was ist schon da und wie kriegen wir das auf Hochglanz poliert?
Und ich stelle meinen Teilnehmern häufig die Frage: Was ist denn eure Idee von Karneval? Für was steht ihr? Und allein an dieser Frage sind viele dann schon an dem Punkt, wo sie sich wirklich richtig Gedanken machen müssen, weil diese Frage hat ihnen so noch kaum jemand vorher gestellt.
Was erlebst Du noch?
TUPPES Häufig erlebe ich dann, dass mir Leute sagen ja, wir wollen nicht so sein wie das Prinzenpaar oder das Dreigestirn im letzten Jahr oder wir wollen nicht so sein wie das Prinzenpaar oder das Dreigestirn aus dem Nachbarort. Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar, bringt uns aber natürlich in der Bühnenperformance nicht weiter.
Wenn wir nur sagen, was wir nicht wollen. Man stelle sich vor, man geht in eine Bäckerei und sagt: „Ich will keinen Bienenstich, keinen Streuselkuchen, kein Roggenbrötchen, kein Kürbiskernbrötchen und auch keinen Weckmann“. Dann weiß ich, was ich nicht will. Aber zu wissen, was ich will – DAS ist erst mal das Entscheidende und dann dahin zu gehen und das zu üben.
Aber du schulst auch außerhalb des Fasteleer, oder?
TUPPES Diese Expertise biete ich ja nicht nur im karnevalistischen Kontext an, sondern auch im Business-Kontext d.h. ich unterstütze beispielsweise Geschäftsführer. Oder auch Vorstandsvorsitzende dabei besser zu präsentieren, selbstbewusster vor anderen zu sprechen, Geschäftszahlen zu präsentieren und dergleichen mehr. Und an der Stelle macht es inhaltlich noch gar keinen Unterschied, ob ich jetzt ein CEO von einem großen Unternehmen oder ob ich im Prinzenpaar oder Dreigestirn bin.
Es geht in beiden Fällen darum, andere Menschen zu begeistern, sie zu berühren und irgendwie in Erinnerung zu bleiben. Es geht darum, beeindruckend zu kommunizieren, so wie es einem selbst möglich ist und so wie es zu einem selbst passt. Das ist mir ganz wichtig. Niemand bekommt von mir einen Gesprächsleitfaden, weder im Verkaufstraining noch im Führungskräftecoaching, noch im Karnevalscoaching.
Sondern mir ist wichtig, dass die Leute authentisch sind in dem, was sie tun und deshalb arbeiten wir viel mit der Persönlichkeit und das ist halt auch ja gewisser energetischer Aufwand für mich, weil man sich sehr tief reindenken muss in die Persönlichkeiten. Auf der anderen Seite kann es aus meiner Sicht nur so wirklich gut funktionieren. Und das ist halt der Grund warum ich es anbiete.
Welche Rolle spielt das Lampenfieber? Wie kriegt man das weg?
TUPPES Ich erlebe halt bei meinen Auftritten, wenn ich irgendwo auf meinen Auftritt warte, auf die Bühne will und sehe dann: ach da ist das Dreigestirn oder das Prinzenpaar aus dem Ort, mit welcher Vorfreude die da agieren, aber häufig auch mit welcher Unsicherheit. Ja, diese Unsicherheit ist ein großer Faktor.
Diese Unsicherheit versucht man häufig zu überspielen, entweder indem man sich vorm Auftritt drei Kölsch oder zwei Schnaps reinhaut oder indem man meint, besonders cool auf der Bühne sein zu müssen und dann nur noch solche Floskeln in den Saal brüllt wie „Party“ und „Jetzt rocken wir die Stage“ und so weiter.
Da gibt es dann ganz häufig Situationen, die ein großes Fremdschampotenzial haben und das kann man mit so einem Bühnencoaching wunderbar meistern, dass man auf der Bühne eben auch sehr kompetent wahrgenommen wird.
Jetzt kann man sich die Frage stellen. Ja warum brauchen wir das eigentlich?
Ja warum brauchen wir das eigentlich?
TUPPES Aus meiner Sicht hat sich das Publikum verändert in den letzten Jahren! Das ist zunehmend anspruchsvoller geworden. Die kaufen sich eine Eintrittskarte und ich will nicht sagen, dass sie sich entspannt zurücklehnen nach dem Motto: „Entertain mich mal“, aber so ein bisschen schwenkt das mit. D.h. nur weil jemand sagt: Hey, wir stellen jetzt dieses Jahr ehrenamtlich das Dreigestirn oder machen das Prinzenpaar, heißt das noch längst nicht, dass einem der Saal dankbar zu Füßen liegt, sondern da muss auch ein bisschen was kommen.
Das müssen jetzt keine Riesenreden sein wie von einem Barack Obama oder Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier.
Aber die Zeiten, dass ein Prinzenpaar oder ein Dreigestirn einfach nur Alaaf gerufen hat, die sind mittlerweile auch vorbei. Und dabei versuch ich die Menschen zu unterstützen. Die machen das in aller Regel ein einziges Mal in ihrem Leben und die sind in der Regel sehr sehr dankbar dafür, weil ich ihnen auch Dinge zeige, die sie so vorher nicht auf dem Schirm hatten.
Welche Ängste gibt es dabei?
TUPPES Es gibt auf der einen Seite, die, die große Angst davor haben, vor anderen zu sprechen. Die begleite ich dabei wirklich, ihren Auftritt am Ende auch genießen zu können ja dass sie Spaß und Freude daran haben.
Und dann gibt es aber auch diejenigen, die sagen: Na ja, ich muss auch im beruflichen Kontext so viel reden, das kann ich und das sind dann aber auch häufig die, die man noch mal besonders einfangen muss. Denn denen wird meistens kurz vor Auftritt bewusst: Oh Gott, da sind ja doch ein paar Leute mehr im Saal, als ich eigentlich gedacht habe – und das führt dann manchmal zu merkwürdigen Übersprungshandlungen auf der Bühne oder auch zu Worthülsen, die mit einer vernünftigen Rede nix zu tun haben.
Also das muss auch nicht immer nur die Rede sein. Manche haben ja auch Musikstücke dabei. Mir ist wichtig, dass die Leute, die auf die Bühne gehen, als Gesamtprodukt funktionieren. Und was ich meinen Teilnehmern immer wieder deutlich mache, ist: Egal wer von uns auf einer Bühne steht, in dem Moment, wo wir das tun, sind wir Dienstleister und zwar Dienstleister des Publikums.

Wer war im Coaching schon dabei?
TUPPES Das waren schon einige ja auch sehr namhafte. Ich habe beispielsweise mit dem Dreigestirn der Altstädter gearbeitet 2021. Das war ja in der Corona-Zeit, die durften das jetzt zwei Jahre machen. Mit den dreien hab ich sehr intensiv zusammengearbeitet. Dann gab’s auch welche, mit denen ich dann während der Saison noch gearbeitet habe. Ich hab in den letzten beiden Jahren unter anderem mit den beiden Jan-und Grietpaaren gearbeitet.
Ich hab schon mit dem Bonner Kinderprinzenpaar gearbeitet, mit einem Prinzenpaar aus Lahnstein bei Koblenz, mit dem Dreigestirn aus Rösrath, dem Dreigestirn aus Overath, einem Dreigestirn aus Hennef. Also das ist kunterbunt, und das ich möchte wirklich nur empfehlen, weil es den Tollitäten eine unfassbare Sicherheit gibt auf der Bühne und es dazu führt, dass sie das, was sie da tun dürfen, eine Session auch wirklich genießen können.
Und ich glaube darum geht es ja, dass man das genießen kann, dass man Freude daran hat. Und sich nicht bei jedem Auftritt in die Hose macht und sagt: Oh Gott, ja das war war keine gute Idee, sowas sowas machen zu können. Ich biete das auch hin und wieder an für andere Menschen, die auf eine Bühne wollen: Für Poetry-Slammer oder Nachwuchsredner. Hierbei muss man allerdings sagen, dass ich denen keine Texte schreibe, weil auch das aus meiner Sicht das unverzichtbare Handwerk ist für Menschen, die auf die Bühne wollen, dass sie zumindest ’ne Idee haben von dem, was sie auf der Bühne präsentieren möchten. Ich helfe dabei. Ich bringe das gemeinsam mit denen auf Hochglanz.

Welche Erfahrung hat dich sehr berührt?
TUPPES Ich denke mal an das Dreigestirn aus Niederkassel. Da haben sich drei Jungs über die Arbeit im Kindergarten kennengelernt. Ihre Kinder waren in der selben Kindertagesstätte und irgendwann haben die beim Lagerfeuer gesessen und gesagt: Ey, wir könnten eigentlich einen Karnevalsverein gründen – und sind dann dazu gekommen, das Dreigestirn zu stellen. Die haben das auch super gemacht.
Wer von mir jetzt ein ganz staubtrockenes Training erwartet, ist bei mir nicht richtig. Also man kriegt die rheinische Frohnatur aus mir nicht raus, da wird viel gelacht.
Ich halte das für total wichtig, weil Lachen eben auch eine gute Transportbrücke ist, um Dinge besser zu verstehen, besser zu verinnerlichen und deshalb habe ich da immer wieder Freude daran, das zu tun.